3. Thomas Sowells "Constrained Vision" angewandt auf Lernen und Didaktik
Wenn wir die Unterscheidung von Thomas Sowell – Constrained vs. Unconstrained Vision – auf Lernen und Didaktik anwenden, wird deutlich, wie grundlegend diese Perspektive auch im Bildungsbereich ist.
In der Didaktik gibt es seit Jahrzehnten einen starken Zug hin zur Unconstrained Vision: die Idee, dass Kinder ein beinahe unbegrenztes Lernpotenzial haben und dass Lernen am besten geschieht, wenn man sie einfach „in die richtige Umgebung“ setzt.
Wenn Kinder sich selbstbestimmt mit Themen auseinandersetzen, ihren Interessen folgen und aus eigenem Antrieb lernen dürfen, so die Annahme, dann sei dies die natürlichste und effektivste Form des Lernens.
In dieser Sichtweise steckt ein tiefes Vertrauen in die menschliche Lernfähigkeit – und ein Misstrauen gegenüber Struktur.
Begrenzung, Anleitung, Korrektur oder Instruktion gelten hier schnell als Eingriff in die natürliche Entfaltung.
Lehrpersonen sollen sich zurücknehmen, Lernende sollen „entdecken“.
Man hört dann Sätze wie: „Ich lerne mehr von meinen Schülern, als sie von mir.“
Das ist die pädagogische Variante der Unconstrained Vision:
Die Überzeugung, dass Kinder, wenn man sie nur nicht stört, ihr Potenzial von selbst entfalten.
Die Realität: Lernen ist nicht grenzenlos
Wenn man sich aber anschaut, wie Lernen tatsächlich funktioniert – vor allem beim Erwerb neuer kognitiver, motorischer oder konzeptueller Fähigkeiten –, zeigt sich ein anderes Bild.
Lernen ist kein offener, unstrukturierter Prozess.
Gerade bei Anfängern braucht es Anleitung, Wiederholung und gezielte Führung.
Das gilt im Sport, in der Musik, in der Mathematik, in der Sprache – überall dort, wo Wissen systematisch aufgebaut werden muss.
Offene, projektorientierte Lernformen klingen modern und frei, sind aber in der Praxis häufig ineffektiv, sobald die Lernenden nicht schon über ein stabiles Fundament verfügen.
Ein Anfänger, der Geige spielen oder Brüche dividieren lernen soll, profitiert selten von „freien Entdeckungsprozessen“.
Er braucht ein strukturiertes Gerüst, das die kognitive Last verringert und schrittweise Kompetenzen aufbaut.
Evidenz: Die Grenzen des offenen Lernens
Die bisher größte Bildungsstudie der Geschichte – das Project Follow Through (USA, 1967–1995) – hat das eindrücklich bestätigt.
Untersucht wurden verschiedene didaktische Modelle: offene, erfahrungsorientierte, ganzheitliche und stark strukturierte Ansätze.
Das Ergebnis war eindeutig:
„Direct Instruction“, das am klarsten strukturierte und lehrergeführte Modell, schnitt in allen Dimensionen am besten ab –
nicht nur in den kognitiven Leistungen, sondern auch in der emotionalen Haltung der Kinder gegenüber Schule und Lernen.
Die Kinder, die klar geführt wurden, lernten am meisten – und hatten gleichzeitig am meisten Freude.
Das widerspricht der romantischen Annahme, Struktur schade der intrinsischen Motivation.
Im Gegenteil: klare Struktur schafft Sicherheit, reduziert Überforderung und ermöglicht Fortschritt – der wiederum Motivation erzeugt.
Die Constrained Vision des Lernens
Sowells Constrained Vision lässt sich hier so verstehen:
Lernen folgt nicht beliebig formbaren Gesetzen, sondern ist an inhärente kognitive Grenzen gebunden – an Arbeitsgedächtnis, Vorwissen, Aufmerksamkeit, Motivation und biologische Reifung.
Diese Grenzen zu ignorieren, ist kein Zeichen von Offenheit, sondern von Realitätsverweigerung.
Eine constrained vision of learning bedeutet, die Natur des Lernens ernst zu nehmen:
Kinder sind neugierig, ja – aber sie sind keine selbstorganisierten Wissenschaftler.
Ihr Lernen braucht Führung, Struktur und wohlgeformte didaktische Schritte, die sich an der Architektur des Gehirns und den Mechanismen der Expertiseentwicklung orientieren.
Zwischen Freiheit und Struktur
Natürlich heißt das nicht, dass Selbstbestimmung und intrinsische Motivation keinen Platz haben.
Aber sie entstehen nicht durch das Weglassen von Struktur, sondern durch sinnvolle Einbettung:
Klare Anleitung, die Raum für Eigenaktivität lässt, aber das Fundament nicht dem Zufall überlässt.
Wenn wir Lernen als constrained process verstehen, wird klar:
Es geht nicht darum, Kinder zu kontrollieren – sondern darum, sie nicht zu überfordern.
Nicht, ihr Potenzial zu begrenzen, sondern die Bedingungen zu schaffen, unter denen es sich real entfalten kann.
Fazit:
Die Unconstrained Vision sieht das Potenzial.
Die Constrained Vision sieht die Bedingungen.
Und erst, wenn wir beides zusammendenken, entsteht wirksame Didaktik:
eine Pädagogik, die die Grenzen des Lernens respektiert – und sie gerade dadurch produktiv macht.
Quellen
- https://www.hachettebookgroup.com/titles/thomas-sowell/a-conflict-of-visions/9780465002054/?lens=basic-books
Interne Links
- https://www.lucasforstmeyer.com/philosophical-foundations-02
- https://www.blog.beziehungsgarten.de/your-relationship-is-a-garden
- https://www.lucasforstmeyer.com/teaching-05-glossary