2. Constrained vs. Unconstrained Vision – Was Thomas Sowell über Psychologie lehrt

Obwohl A Conflict of Visions von Thomas Sowell ursprünglich ein politisches und sozialphilosophisches Buch ist, enthält es eine Unterscheidung, die für Psychologie, Therapie und persönliche Entwicklung von zentraler Bedeutung ist: die Gegenüberstellung der Constrained Vision und der Unconstrained Vision des Menschen.

Sowell beschreibt damit zwei grundlegende Sichtweisen auf die menschliche Natur, die – bewusst oder unbewusst – jede Theorie, auch jede psychologische, prägen.

Die Unconstrained Vision – Der unbegrenzte Mensch

Die Unconstrained Vision geht davon aus, dass der Mensch im Grunde grenzenlos entwicklungsfähig ist.

Wenn wir nur ohne Trauma aufwachsen würden, wenn uns keine falschen Glaubenssätze oder gesellschaftlichen Prägungen formen würden, wenn wir nur die richtigen Methoden des Fühlens, Denkens und Heilens lernen würden – dann könnten Menschen und Gesellschaften sich unendlich weiterentwickeln, verbessern, optimieren.

In dieser Sichtweise steckt oft ein utopisches Potenzial: Der Mensch ist von Natur aus gut und formbar, die Welt wäre heilbar, wenn wir nur die richtigen psychologischen oder spirituellen Werkzeuge anwenden würden.

Diese Haltung findet man in vielen modernen Therapieformen – auch im Internal Family Systems (IFS)-Modell. Dort heißt es: Wenn die Teile zur Seite treten, zeigt sich das Selbst – ruhig, mitfühlend, verbunden, weise. Wenn alle Menschen sich in diese Richtung entwickeln würden, entstünde eine friedlichere, gesündere Gesellschaft.

Das ist im Kern eine unconstrained vision – eine Theorie, die annimmt, dass menschliche Begrenzungen letztlich überwindbar sind.

Die Constrained Vision – Der begrenzte Mensch

Die Constrained Vision geht vom Gegenteil aus. Sie betrachtet die menschliche Natur als grundsätzlich begrenzt.

Nicht im Sinne von Pessimismus, sondern als realistische Anerkennung, dass jeder Mensch, jede Kultur, jede Gesellschaft von festen biologischen, psychischen und sozialen Grenzen geprägt ist.

Diese Grenzen sind nicht nur Folge von Trauma oder Fehlprägung, sondern Ausdruck unserer Grundkonstitution. Temperament, Erregbarkeit, Stressresilienz, Impulsivität – all das sind stabile Faktoren, die sich zwar modulieren, aber nicht grundsätzlich verändern lassen.

Ein Beispiel: Jemand mit einer starken Tendenz zu negativen Emotionen – also hohem Neurotizismus im Big-Five-Modell – kann lernen, besser mit dieser Sensibilität umzugehen. Aber sie wird nie völlig verschwinden. Das ist keine Schwäche, sondern ein Teil des menschlichen Rahmens.

Eine constrained vision akzeptiert diese Begrenzungen. Sie fragt nicht: Wie können wir den Menschen verändern? Sondern: Wie können wir ihn verstehen, so wie er ist – und innerhalb dieser Realität das Beste ermöglichen?

Zwischen Ideal und Grenze

In der Psychologie dominieren heute Theorien, die zur unconstrained vision tendieren – Modelle, die Heilung, Transformation und unbegrenzte Entwicklung versprechen.

Doch diese Sicht kann leicht in moralischen oder spirituellen Perfektionismus kippen. Wenn man glaubt, alles ließe sich heilen, wird jede bleibende Schwierigkeit schnell zu einem Zeichen persönlicher Unreife oder mangelnder Arbeit an sich selbst.

Das Gegenmodell – die reine constrained vision – ist oft nüchterner, empirischer, aber selten inspirierend. Sie sagt: Wir sind, wie wir sind. Und das meiste bleibt, wie es ist. Doch wenn sie allein steht, erstickt sie Hoffnung und Wachstum.

Die Herausforderung besteht darin, beides zu integrieren: Die Anerkennung realer Grenzen – biologisch, psychologisch, sozial – und das Vertrauen, dass innerhalb dieser Grenzen Entwicklung, Selbstführung und Beziehungsfähigkeit möglich bleiben.

Das ist das Terrain zwischen Utopie und Resignation, zwischen Therapie und Realität, zwischen idealisierter Menschlichkeit und geerdeter Psychologie. Und genau dort entsteht eine reifere Form von Entwicklung: nicht die Überwindung der menschlichen Natur, sondern ihre bewusste Führung.


Quellen

  • https://www.hachettebookgroup.com/titles/thomas-sowell/a-conflict-of-visions/9780465002054/?lens=basic-books
  • https://www.blog.beziehungsgarten.de/couples-therapy-bad-reputation
  • https://www.blog.beziehungsgarten.de/couples-therapy-hub
  • https://www.blog.beziehungsgarten.de/relationship-coaching-hub
  • https://www.blog.beziehungsgarten.de/toxic-relationships-hub
  • https://www.lucasforstmeyer.com/beyond-ifs-03
  • https://www.blog.beziehungsgarten.de/conflict
  • https://www.lucasforstmeyer.com/philosophical-foundations-03