2. Neurozeption und motivierte Wahrnehmung

Wenn wir die Grundannahme ernst nehmen, dass wir motivierte Systeme sind – also dass unser Unbewusstes permanent filtert, bewertet und steuert, was wir wahrnehmen und wie wir reagieren –, dann lässt sich daraus eine direkte Verbindung zur Polyvagal-Theorie von Stephen Porges ziehen.

Porges prägte dafür den Begriff Neurozeption: das unbewusste Scannen des Nervensystems, ob wir sicher, verbunden oder bedroht sind. Diese Neurozeption geschieht automatisch – ohne bewusste Beteiligung des Verstandes. Sie entscheidet blitzschnell, ob wir in einem Zustand von sozialer Offenheit bleiben können oder in alte, evolutionär verankerte Schutzprogramme umschalten:

  • Sympathische Aktivierung: Kampf oder Flucht, wenn Gefahr vermutet wird.
  • Dorsaler Vagus (Freeze): Erstarren oder innerer Rückzug.
  • Fawn: Unterwerfung oder Befriedung, um Sicherheit wiederherzustellen.

Diese Reaktionen entstehen nicht durch bewusste Entscheidung, sondern aus der Interpretation des Nervensystems, das fortlaufend zwischen Sicherheit und Bedrohung unterscheidet. Es handelt sich also nicht um „Fehlverhalten“, sondern um körperlich verankerte Anpassungen.

Das Zusammenspiel von Nervensystem, Motivation und Wahrnehmung

Damit beschreibt die Polyvagal-Theorie denselben Mechanismus, den wir bereits im Kontext motivierter Wahrnehmung sehen: Unser System interpretiert die Welt, bevor wir sie bewusst sehen. Es wählt aus, welche Informationen relevant sind, und aktiviert entsprechende Reaktionsmuster.

Diese unbewusste Bewertung ist also kein Ausnahmefall, sondern der Normalzustand menschlicher Wahrnehmung. Unser Nervensystem, unsere Teile (im IFS-Sinn) und unsere motivationalen Hierarchien (im Sinne von Jordan Peterson) wirken gemeinsam als Filterstruktur:

  • Die Neurozeption entscheidet, ob wir überhaupt Zugang zu höherer Verarbeitung haben.
  • Die Teile färben Wahrnehmung emotional und selektiv.
  • Die motivierten Zielsysteme bestimmen, was Bedeutung hat und was ignoriert wird.

Unser bewusstes Denken kommt erst danach ins Spiel – es rationalisiert, was längst entschieden wurde.

Konsequenz für Beziehungsdynamik

Wenn wir das ernst nehmen, dann können Theorien über Beziehung, Bindung oder Kommunikation nicht länger so tun, als wären Menschen rational oder frei wählend in ihren Reaktionen. Jede Interaktion wird durch diese unbewussten Interpretationsprozesse geformt.

Ein Blick, ein Tonfall, ein minimaler Gesichtsimpuls kann vom Nervensystem als Bedrohung registriert werden – und löst dann sekundenschnell Muster aus, die wir später als „Überreaktion“ oder „Vermeidung“ etikettieren.

Wer mit Menschen arbeitet – ob therapeutisch, coachend oder in der Partnerschaft – muss diese Realität anerkennen: Wir reagieren nicht auf die Welt, wie sie ist, sondern auf die Welt, wie unser Nervensystem sie interpretiert.


Quellen

  • https://www.routledge.com/Maps-of-Meaning-The-Architecture-of-Belief/Peterson/p/book/9780415922227
  • https://wwnorton.com/books/9780393707007
  • https://psycnet.apa.org/record/2014-32359-001
  • https://www.lucasforstmeyer.com/needs-02
  • https://www.blog.beziehungsgarten.de/right-hemisphere-gilchrist
  • https://www.blog.beziehungsgarten.de/nervous-system
  • https://www.lucasforstmeyer.com/ifs-course-01
  • https://www.lucasforstmeyer.com/neuropsychology-01-03
  • https://www.blog.beziehungsgarten.de/attachment
  • https://www.lucasforstmeyer.com/big-five-01
  • https://www.lucasforstmeyer.com/big-five-03
  • https://www.lucasforstmeyer.com/drama-triangle-02