7. Die verborgene Logik unserer Schutzmauern: Was EFT von IFS lernen kann

Die verborgene Logik unserer Schutzmauern: Was EFT von IFS lernen kann

In der modernen Paartherapie sind die Emotionsfokussierte Therapie (EFT) und das Internal Family Systems (IFS)-Modell zwei der wirkungsvollsten Ansätze, um menschliches Verhalten zu verstehen. EFT gibt uns eine brillante Landkarte für den Tanz zwischen Partnern, während IFS uns eine präzise Karte für unsere innere Welt liefert.

Legt man diese beiden Karten übereinander, wird die verborgene Logik hinter unseren schmerzhaftesten Beziehungsmustern plötzlich glasklar. Wir erkennen, dass unsere reaktiven Schutzmauern – die Wut, die Kritik, das Mauern – keine Charakterfehler sind, sondern die vorhersagbare Arbeit unserer inneren "Beschützer".

Die zwei Ebenen der Emotion in EFT

Wie bereits im Glossar-Eintrag beschrieben, unterscheidet die EFT zwischen zwei Arten von Emotionen:

  • Primäremotionen: Der verletzliche Kern. Dies sind unsere tiefsten, ursprünglichsten Gefühle, die direkt mit unserem Bindungsbedürfnis verknüpft sind – Angst vor Verlassenwerden, Scham, Traurigkeit.
  • Sekundäremotionen: Der schützende Panzer. Dies sind reaktive Emotionen wie Wut, Kritik, Gereiztheit oder Rückzug. Sie dienen dazu, die unerträgliche Verletzlichkeit der Primäremotionen zu verdecken.

Der Verfolger in der Nähe-Distanz-Spirale zeigt sekundäre Wut, um seine primäre Angst vor dem Alleinsein nicht fühlen zu müssen. Der Vermeider zeigt sekundären Rückzug, um seine primäre Scham des Versagens zu verbergen.

Die innere Familie in IFS: Beschützer und Verbannte

Das IFS-Modell von Richard Schwartz beschreibt unsere Psyche als eine "innere Familie" aus verschiedenen Teilen oder Anteilen:

  • Verbannte (Exiles): Dies sind unsere jüngsten, verletzlichsten Anteile. Sie tragen den Schmerz, die Angst und die Scham aus vergangenen Verletzungen – insbesondere aus Momenten, in denen unsere Bindungsbedürfnisse nicht erfüllt wurden. Sie werden "verbannt", weil ihr Schmerz für das System überwältigend ist.
  • Beschützer (Protectors): Dies sind Anteile, die die Aufgabe übernommen haben, das System vor dem Schmerz der Verbannten zu schützen. Sie tun alles, damit wir diese tiefen Wunden nicht wieder fühlen müssen. Es gibt zwei Arten:
    • Manager: Sie arbeiten proaktiv und versuchen, unser Leben so zu kontrollieren, dass die verletzlichen Teile gar nicht erst getriggert werden (z.B. durch Perfektionismus, People-Pleasing, übermäßige Analyse).
    • Feuerlöscher (Firefighters): Sie reagieren impulsiv, nachdem ein verbannter Teil bereits getriggert wurde. Ihre Aufgabe ist es, den Schmerz sofort zu betäuben oder auszulöschen – durch Wutausbrüche, emotionales Mauern (Stonewalling), Ablenkung oder Suchtverhalten.

Die Synthese: Unsere Sekundäremotionen sind unsere Beschützer in Aktion

Hier wird die Verbindung glasklar: Die Sekundäremotionen der EFT sind die Aktionen unserer IFS-Beschützer.

  • Die kritische, fordernde Wut des Verfolgers (Sekundäremotion) ist ein Beschützer-Teil (oft ein Feuerlöscher), der panisch versucht, eine Verbindung zu erzwingen, um den Schmerz des verbannten "Ich bin allein und ungewollt"-Anteils abzuwehren.
  • Der kalte, abwehrende Rückzug des Vermeiders (Sekundäremotion) ist ein Beschützer, der das gesamte System herunterfährt, um die überwältigende Scham des verbannten "Ich bin ein Versager"-Anteils einzudämmen.

Diese Perspektive ist orientierungsgebend, denn sie bedeutet: Die destruktiven Verhaltensweisen in der Nähe-Distanz-Spirale sind keine Angriffe, sondern fehlgeleitete Schutzversuche.

Die "unheilbare" Verletzlichkeit der Bindung

Hier müssen wir mit einem populären Missverständnis aufräumen. Viele Therapieansätze suggerieren, dass wir unsere "Verbannten" heilen können, sodass sie für immer verschwinden. Aber was, wenn einige dieser verbannten Anteile keine alten Traumata sind, die "geheilt" werden müssen?

Was, wenn sie die realistische und unvermeidbare Verletzlichkeit ausdrücken, die mit tiefer Bindung einhergeht?

Sich voll und ganz auf einen anderen Menschen zu verlassen, ist inhärent angsteinflößend. Zu lieben bedeutet, das Risiko des Verlusts einzugehen. Der verbannte Anteil, der die panische Angst trägt, den geliebten Partner zu verlieren, ist kein "Fehler" im System. Er ist der logische und gesunde Ausdruck unserer tiefsten menschlichen Fähigkeit zur Bindung. Dieser Teil ist nicht "heilbar", weil die Verletzlichkeit, die er repräsentiert, real ist und niemals weggehen wird.

Die Lücke der EFT-Perspektive

In der klinischen Praxis – insbesondere in bindungsorientierten Modellen wie EFT – wird jedoch oft eine bestimmte Art von Primäremotion idealisiert: die Bindungsemotion. Die Angst vor Verlust, die Sehnsucht nach Nähe, das Bedürfnis nach Verbindung werden als der „wahre Kern“ des emotionalen Erlebens angesehen.

Das Problem: Diese Annahme ist nicht universell.

Sie spiegelt vor allem die innere Logik derer wider, die dieses Feld geprägt haben – Menschen mit einer bindungsorientierten Persönlichkeitsstruktur, also typischen Pursuern. Sie erleben emotionale Verletzung vor allem als Bedrohung von Nähe und Verbindung. Aus dieser Perspektive erscheint der distanzierte Partner schnell „abgeschnitten“, „ängstlich vermeidend“ oder „emotional blockiert“.

Doch was, wenn manche Reaktionen – etwa Wut, Abgrenzung oder Rückzug – nicht Ausdruck einer verdrängten Bindungspanik sind, sondern direkte, gesunde Reaktionen auf eine Statusverletzung?

Das Bindungs-Status-Modell setzt hier an:

Es erweitert die EFT-Logik, indem es anerkennt, dass es zwei Arten von primären Verletzungen gibt – beide real, beide legitim.

  1. Primäre Bindungsemotion: Die Angst, verlassen oder nicht mehr geliebt zu werden.→ Sekundär geschützt durch Wut, Protest, Kontrolle.
  2. Primäre Status-Emotion: Die Kränkung oder Scham über Abwertung, Missachtung, Einflussverlust.→ Sekundär geschützt durch Rückzug, Härte oder emotionale Kälte.

Diese zweite Kategorie wird in klassischen Modellen kaum benannt, obwohl sie den emotionalen Rückzug vieler Männer – und mancher Frauen – treffend beschreibt. Ihre scheinbare „Abwehr“ ist oft keine Weigerung zu fühlen, sondern der Schutz ihrer Würde.

Wer diese Dynamik übersieht, läuft Gefahr, echte Statusverletzungen – also Ungleichgewicht, Entwertung oder Bevormundung – fälschlich als Bindungsabwehr zu interpretieren. Das führt zu einer therapeutischen Einseitigkeit: Der Fokus liegt dann ausschließlich auf dem Zugang zur Verletzlichkeit (der Bindung), während die ebenso wichtige Dimension von Einfluss, Respekt und Gleichwürdigkeit unterbelichtet bleibt.

Eine reife Beziehungsarbeit muss daher beides anerkennen:

Dass Menschen nicht nur um Liebe, sondern auch um Anerkennung kämpfen.

Und dass Heilung nicht bedeutet, alle Schutzmauern einzureißen, sondern zu verstehen, was sie schützen – ob Bindung oder Würde.

Das wahre Ziel: Lernen, unsere Teile zu halten

Wenn wir diese verletzlichen Anteile nicht auslöschen können, was ist dann das Ziel? Die Antwort, sowohl in IFS als auch in einer reifen Beziehungsarbeit, lautet: Wir können lernen, diese Teile besser zu halten.

Anstatt uns von unseren Beschützern (den Sekundäremotionen) kapern zu lassen, können wir lernen, innezuhalten und uns mit Mitgefühl unserem inneren System zuzuwenden. Wir können den ängstlichen, verbannten Teil in uns anerkennen, ihn beruhigen und ihm versichern, dass wir (als erwachsenes Selbst) da sind.

Das ist keine "Transformation", bei der die Angst verschwindet. Es ist die Entwicklung von Selbst-Führung. Wir lernen, unsere Angst zu halten, ohne dass sie unser Verhalten diktiert. Wir können Angst spüren und trotzdem die bewusste Entscheidung treffen, auf unseren Partner zuzugehen, anstatt ihn mit der reaktiven Wut unseres Beschützers anzugreifen.

Dieser Ansatz nimmt den Druck, perfekt oder furchtlos sein zu müssen. Er erlaubt uns, menschlich zu sein. Und er gibt uns die Macht zurück, aus der Spirale auszusteigen – nicht indem wir unsere Verletzlichkeit auslöschen, sondern indem wir lernen, sie liebevoll zu halten.


Quellen

  • https://wwnorton.com/books/9780393705959
  • https://www.littlebrown.com/titles/sue-johnson/hold-me-tight/9780316113007/
  • https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-319-78217-7
  • https://www.blog.beziehungsgarten.de/primary-secondary-emotions-eft
  • https://www.blog.beziehungsgarten.de/developmental-trauma
  • https://www.blog.beziehungsgarten.de/relationship-problems
  • https://www.lucasforstmeyer.com/ifs-course-01
  • https://www.blog.beziehungsgarten.de/toxic-relationships-hub
  • https://www.blog.beziehungsgarten.de/stonewalling
  • https://www.blog.beziehungsgarten.de/attachment
  • https://www.blog.beziehungsgarten.de/pursuer
  • https://www.blog.beziehungsgarten.de/status
  • https://www.lucasforstmeyer.com/ifs-course-04
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  • https://www.lucasforstmeyer.com/ifs-course-12
  • https://www.lucasforstmeyer.com/beyond-ifs-05
  • https://www.lucasforstmeyer.com/ifs-course-05