4. Unverträglichkeit und das IFS-Modell
Disagreeableness und das IFS-Modell
Ein zweiter zentraler Persönlichkeitsfaktor aus dem Big-Five-Modell, der neue Fragen an das IFS- bzw. EFS-Modell (Emotionally Focused Self) aufwirft, ist der Bereich der Agreeableness – auf Deutsch: Verträglichkeit.
Agreeableness beschreibt, wie stark ein Mensch durch Kooperation, Harmonie und soziale Verbundenheit motiviert ist. Menschen mit hoher Verträglichkeit haben einen natürlichen inneren Impuls, sich einzufühlen, Konflikte zu vermeiden und das Wohl anderer zu berücksichtigen. Menschen mit niedriger Verträglichkeit (Disagreeableness) hingegen orientieren sich stärker an ihren eigenen Bedürfnissen. Sie empfinden Konkurrenz, Statusvergleiche oder offene Konfrontationen nicht automatisch als Bedrohung, sondern oft als normal oder sogar stimulierend.
Dieser Persönlichkeitsfaktor ist – wie alle Big-Five-Faktoren – über die Lebensspanne relativ stabil. Er kann moduliert werden, aber die Grundtendenz bleibt meist erhalten. Studien zeigen sogar, dass Menschen mit niedriger Verträglichkeit in bestimmten Bereichen des Lebens Vorteile haben – etwa in leistungsorientierten oder hierarchischen Umgebungen, in denen Durchsetzungsfähigkeit und strategisches Denken wichtiger sind als Harmonie (vgl. Judge, Livingston & Hurst, 2012).
Widerspruch zur IFS-Grundannahme
Das IFS-Modell geht davon aus, dass jeder Mensch im Zustand des „Selbst“ automatisch Qualitäten wie Mitgefühl, Neugier und Verbundenheit ausdrückt.
Doch aus Sicht der Persönlichkeitspsychologie gilt: Diese Eigenschaften überlappen stark mit hoher Agreeableness – also einer Temperamentsdimension, nicht einem universellen inneren Zustand.
Das wirft eine wichtige Frage auf: Ist Mitgefühl tatsächlich ein universelles Merkmal des „Selbst“ – oder ein Ausdruck einer bestimmten Persönlichkeitskonfiguration, die nicht jeder in gleicher Intensität besitzt?
Aus Big-Five-Sicht wäre die Antwort: Menschen mit hoher Verträglichkeit erleben Mitgefühl, Kooperation und Fürsorglichkeit als natürliche Impulse. Menschen mit niedriger Verträglichkeit dagegen nicht – selbst wenn sie psychologisch gesund, reflektiert und integriert sind. Ihr System ist von Natur aus konfrontativer, statusorientierter und autonomer.
Wenn man diese Differenzen pathologisiert, also Disagreeableness als Ausdruck „ungeheilter Teile“ deutet, entsteht ein verzerrtes Menschenbild. Wir beginnen dann, unterschiedliche Temperamente mit moralischen Kategorien zu verwechseln – so, als sei „Kooperation“ das wahre Selbst und „Wettbewerb“ eine Abweichung.
Beziehung und Realität
In intimen Beziehungen führen Unterschiede in der Agreeableness fast zwangsläufig zu Reibung.
- Ein Partner sucht Harmonie, der andere Konfrontation.
- Einer vermeidet Konflikte, der andere empfindet sie als Klärung.
Statistisch gesehen korreliert hohe Agreeableness mit stabileren und zufriedeneren Partnerschaften (Bouchard & Loehlin, 2001), während stark ausgeprägte Disagreeableness häufiger mit Beziehungskonflikten, Dominanzverhalten oder Kritikmustern einhergeht (Graziano & Tobin, 2009).
Doch das ändert nichts daran, dass Disagreeableness ein natürlicher, angeborener Persönlichkeitszug ist – kein Fehler, der „geheilt“ werden kann.
Für Paare bedeutet das: Wenn zwischen ihnen eine deutliche Differenz in der Verträglichkeit besteht, müssen sie lernen, damit umzugehen, statt zu versuchen, den „weniger harmonischen“ Partner zu einem sanfteren Menschen zu machen.
Ein differenzierter Umgang erfordert, zwischen „Teil, der geheilt werden will“ und „Temperament, das so gebaut ist“ zu unterscheiden. Diese Grenze ist nie scharf, aber sie ist entscheidend, um realistische Arbeit mit Menschen zu ermöglichen.
Fazit
Das Big-Five-Modell erinnert uns daran, dass nicht jeder Mensch vom gleichen inneren Grundmotiv angetrieben ist. Einige sind auf Verbindung ausgerichtet, andere auf Einfluss. Beides ist menschlich.
Wenn das IFS-Modell seine Reife behalten will, muss es diese Temperamentsunterschiede integrieren – sonst läuft es Gefahr, eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur (die hohe Agreeableness) fälschlich als Maßstab für psychische Gesundheit zu setzen.
Quellen:
- Judge, T. A., Livingston, B. A., & Hurst, C. (2012). Do nice guys—and gals—really finish last? The joint effects of sex and agreeableness on income. Journal of Personality and Social Psychology, 102(2), 390–407.
- Bouchard, T. J., & Loehlin, J. C. (2001). Genes, evolution, and personality. Behavior Genetics, 31(3), 243–273.
- Graziano, W. G., & Tobin, R. M. (2009). Agreeableness. In M. R. Leary & R. H. Hoyle (Eds.), Handbook of Individual Differences in Social Behavior (S. 46–61). Guilford Press.
Quellen
- https://psycnet.apa.org/record/2014-32359-001
- https://www.guilford.com/books/Internal-Family-Systems-Therapy/Schwartz-Sweezy/9781462541461
Interne Links
- https://www.lucasforstmeyer.com/beyond-ifs-03
- https://www.blog.beziehungsgarten.de/criticism-healing-as-foundation
- https://www.blog.beziehungsgarten.de/toxic-relationships-hub
- https://www.blog.beziehungsgarten.de/physical-needs
- https://www.lucasforstmeyer.com/philosophical-foundations-04
- https://www.blog.beziehungsgarten.de/attachment
- https://www.blog.beziehungsgarten.de/status
- https://www.lucasforstmeyer.com/beyond-ifs-02
- https://www.lucasforstmeyer.com/ifs-course-16