2. IFS-Kritik – Das Selbst ist nicht unabhängig von Temperament

Ich halte die Unterscheidung von Teilen und Selbst nach wie vor für eine der großen Stärken des IFS-Modells.

Der Moment, in dem ein Mensch in einer Sitzung vom inneren Überflutet-Sein zu innerem Abstand findet – vom Teil ins Selbst tritt – ist oft entscheidend. Man erlebt plötzlich Raum, Mitgefühl, Neugier. Das beschreibt das Modell präzise.

Aber daraus wurde eine Philosophie gemacht:

  • Wenn ein Teil sich beruhigt, tritt das Selbst hervor – und das Selbst ist immer gut.
  • Immer ruhig, verbunden, liebevoll, neugierig. Die sogenannten „8 Cs“.

Und genau hier wird das Modell zu schlicht. Denn im Leben – jenseits der Sitzung – existiert kein Selbst im Vakuum. Menschen haben Temperamente. Und diese prägen, wie sich das Selbst zeigt, wenn kein Teil mehr dominiert.

Beispiel: Big 5

Dies können wir am Big 5 Modell erkennen - dies ist eines der besterforschten Modelle zur menschlichen Psyche, das zeigt: Es gibt klare, stabile Unterschiede zwischen Menschen auf (mindestens) 5 Ebenen. Diese zeigen sich auch dann, wenn Menschen "im Selbst" sind:

  • Ein introvertierter Mensch wird sich auch in Selbstanbindung eher zurückhaltend ausdrücken. Ein extravertierter wird selbst in Ruhe aktiver, spontaner, manchmal übergriffiger wirken.
  • Ein unverträglicher Mensch wird auch in seinem besten Zustand direkter, konfrontativer, weniger harmoniesuchend sein.
  • Und jemand mit hohem Neurotizismus wird häufiger emotionale Wellen erleben – nicht, weil ein Teil „nicht geheilt“ ist, sondern weil sein Nervensystem feinfühliger reagiert.

Das heißt: Selbstzugang ist nicht das Ende der Persönlichkeit. Die Idee, dass unter allen Mustern ein universelles, gleiches Selbst liegt, verkennt die individuelle Biologie. Sie blendet Unterschiede in Reizverarbeitung, Impulskontrolle, emotionaler Stabilität und sozialer Orientierung aus.

Heilung heißt also nicht, dass alle gleich ruhig, gleich liebevoll, gleich kooperativ werden. Heilung heißt, dass man lernt, mit seinem Temperament in Führung zu gehen – mit Bewusstsein, aber nicht gegen die eigene Natur.

  • Ein Mensch mit hohem Neurotizismus muss lernen, seine innere Alarmanlage zu regulieren, nicht sie auszuschalten.
  • Ein Mensch mit niedrigem Agreeableness muss lernen, Rücksicht zu üben, ohne sich zu verleugnen.
  • Ein Mensch mit hoher Extraversion muss lernen, Raum zu lassen, ohne sich zu verlieren.

Aber wir können nicht erwarten, dass sich ihre zugrundeliegende "Natur" plötzlich verändert. Das ist Entwicklung – nicht Entgrenzung ins Reine Selbst.

Warum dies problematisch ist

Indem das IFS die Grundlage des Temperaments weitgehend ausblendet, entstehen mehrere ungewollte, aber tiefgreifende Folgen.

1. Gleichmachung – als wären wir alle gleich

Die Vorstellung, dass unter allen Mustern ein reines, universelles Selbst liegt, erzeugt ein stilles Ideal: Wenn wir nur genug heilen, werden wir alle ähnlich – ruhig, liebevoll, verbunden.

Das wirkt zunächst humanistisch, ist aber biologisch falsch. Menschen unterscheiden sich grundlegend in Reizverarbeitung, Aktivierungsniveau, Dominanz, Sensibilität und Kooperationsneigung.

Wer diese Unterschiede übersieht, wertet sie unbewusst ab. Ein direktiver, wettbewerbsorientierter Mensch wird schnell als „noch nicht im Selbst“ gesehen, obwohl er einfach ein anderes Nervensystem hat.

2. Selbstoptimierung – der versteckte Leistungsdruck der Heilung

Wenn das „wahre Selbst“ immer friedlich, offen und liebevoll sein soll, entsteht ein gefährlicher Subtext:

„Wenn du wütend, reizbar oder genervt bist, bist du noch nicht geheilt.“

Damit wird Heilung zum Selbstoptimierungsprojekt. Das System erzeugt Druck, die eigene Natur zu übersteigen – anstatt sie zu verstehen. Menschen jagen einem Ideal hinterher, das gar nicht existiert: dem emotionslosen, perfekt regulierten Selbst.

3. Heilungsloops – der Versuch, das Temperament zu therapieren

Viele bleiben dadurch in endlosen Prozessen stecken. Sie suchen nach dem „Teil“, der ihre Ungeduld, ihre Konkurrenzlust oder ihre emotionale Reaktivität „macht“ – und wollen ihn beruhigen oder entlasten.

Doch oft ist das kein verletzter Teil, sondern schlicht Temperament. Man kann einen hohen Neurotizismus nicht „heilen“, so wenig wie man eine hohe Extraversion „auflösen“ kann. Wer es versucht, kämpft gegen Biologie – und verliert.

4. Verlust ganzer Menschentypen – wer nicht sanft ist, passt nicht ins System

Das Modell spricht vor allem Menschen an, die ohnehin kooperativ, introspektiv und emotional offen sind – also hoch agreeable, offen, empathisch.

Menschen mit niedriger Verträglichkeit oder hohem Dominanzstreben empfinden das Setting oft als subtil entwertend. Ihre Art wird pathologisiert, ihre Energie als „Beschützerarbeit“ interpretiert, nicht als legitimer Ausdruck ihrer Persönlichkeit.

So verliert das IFS ganze Bevölkerungsgruppen: Macher, Wettbewerber, analytische Denker – all jene, die nicht in die sanfte, therapeutische Tonlage passen.

5. Die „8 Cs“ als verborgenes Persönlichkeitsideal

Die sogenannten „8 Cs“ – Calmness, Curiosity, Clarity, Compassion, Courage, Confidence, Creativity und Connectedness – gelten im IFS als universelle Ausdrucksformen des Selbst. In der Praxis sind sie jedoch kein neutrales Phänomen, sondern spiegeln bestimmte Persönlichkeitszüge wider.

Empirisch betrachtet korrespondieren sie stark mit hoher Verträglichkeit, niedrigem Neurotizismus und teilweise hoher Offenheit – also einem bestimmten Temperamentstyp, nicht einer allgemeinmenschlichen Norm. Das führt zu einer subtilen, aber folgenreichen Verzerrung:

Das Modell setzt jene Zustände, die für sanftmütige, reflektierte und emotional ausgeglichene Menschen natürlich sind, als universelles Ideal. Wer spontaner, direkter, konfrontativer oder emotional intensiver reagiert, gilt dadurch leicht als „nicht im Selbst“.

Diese Dynamik erzeugt einen moralischen Bias – keinen bewussten, aber einen wirksamen. In Gruppen oder Coachingprozessen entsteht oft der unausgesprochene Druck, „sanfter“ oder „ruhiger“ zu werden, um als „entwickelt“ zu gelten. Dadurch verliert das Modell seine Neutralität:

IFS wird von einer Beobachtung der inneren Dynamik zu einem kulturellen Wertekanon. Die 8 Cs beschreiben kein universelles Selbst, sondern das Selbst eines bestimmten Persönlichkeitstyps – und machen andere Formen von Präsenz unsichtbar oder „falsch“.

Kurz gesagt:

Das IFS verwechselt manchmal Heilung mit Homogenisierung. Es übersieht, dass das Selbst sich durch Temperament ausdrückt, nicht jenseits davon. Wer das anerkennt, macht das Modell nicht schwächer, sondern reifer – und öffnet es für eine menschlichere, diversere Psychologie.


Quellen

  • https://wwnorton.com/books/9780393707007
  • https://www.guilford.com/books/Internal-Family-Systems-Therapy/Schwartz-Sweezy/9781462541461
  • https://www.lucasforstmeyer.com/beyond-ifs-03
  • https://www.blog.beziehungsgarten.de/criticism-healing-as-foundation
  • https://www.lucasforstmeyer.com/beyond-ifs-04
  • https://www.lucasforstmeyer.com/big-five-04
  • https://www.lucasforstmeyer.com/ifs-course-10
  • https://www.blog.beziehungsgarten.de/attachment
  • https://www.lucasforstmeyer.com/beyond-ifs-06
  • https://www.lucasforstmeyer.com/ifs-course-02
  • https://www.lucasforstmeyer.com/ifs-course-06
  • https://www.lucasforstmeyer.com/big-five-03
  • https://www.lucasforstmeyer.com/ifs-course-16